Genealogie und Geografie verknüpft in Ortsfamilienbüchern
Die genealogische Forschung ist traditionell stark personenbezogen: Geburt, Heirat und Tod sind die bestimmenden Ereignisse im Lauf der Zeit. Doch wer tiefer in Quellen eintaucht, erkennt schnell, dass diese Perspektive zu kurz greift. Leben spielt sich immer auch in einem räumlichen Kontext ab – in Häusern, Nachbarschaften, Orten. Genau hier liegt ein bislang noch nicht ausgeschöpftes Potenzial für die Computergenealogie: die systematische Zusammenführung von Genealogie und Geografie.
Für die Online-Ortsfamilienbücher (OFB) wurde nun testweise eine neue Darstellung implementiert, die eine Höfeliste sichtbar macht.
Genealogie ist mehr als Personenstandsdaten – Häuser als zentrale Entität
Genealogie beschreibt Lebensläufe. Dazu gehören nicht nur Ereignisse, sondern auch die räumliche Dimension mit Wohnorten sowie auch Häusern oder Höfen. Diese Orts-Perspektive ist ein integraler Bestandteil genealogischer Forschung, wobei der Standard GEDCOM diese räumlichen Aspekte bislang nur eingeschränkt unterstützt.
Ein vielversprechender Ansatz besteht darin, Häuser (oder Höfe) als eigenständige Entitäten in genealogischen Datenmodellen zu führen. In einer erweiterten genealogischen Datenbank können
- Häuser mit Fotos, Ereignissen und Namen beschrieben werden,
- Personen mit Häusern verknüpft werden (z. B. als Wohn-, Arbeits- oder Geburtsort),
- Eigentumsverhältnisse über Zeiträume modelliert werden,
- Häuser geografisch verortet und administrativ eingeordnet werden.
Technisch lässt sich dies bereits heute umsetzen: Das GEDCOM-L Addendum erlaubt entsprechende Modellierungen mit Ortsdatensätzen (_LOC), und Anwendungen im Genealogienetz wie Online-OFB oder GEDBAS können solche Daten aufnehmen – auch wenn Letztere derzeit noch keine nativen Ortsdatensätze präsentieren kann. Verschiedene Genealogieprogramme, vor allem aus dem deutschsprachigen Raum, unterstützen bereits seit Längerem solche Ortsdatensätze.
Die Rolle des GOV
Ein entscheidender Baustein für die geografische Integration ist das Geschichtliche Ortsverzeichnis (GOV). Hier können nicht nur Orte, sondern auch einzelne Höfe als Objekte mit Koordinaten und Verwaltungshierarchie erfasst werden.
Die Vision ist klar:
- Ein Hof wird im GOV mit Geodaten gepflegt.
- Von dort führt ein Link zu einer genealogischen Häuserchronik (z. B. in einem OFB).
- Umgekehrt verweist die genealogische Häuserchronik auf den GOV-Eintrag.
Damit entsteht ein Netz zwischen Raum und Personen und Ereignissen.
Bestehende Ansätze und Projekte
Ein Blick ins Internet zeigt, dass viele Bausteine bereits existieren – allerdings meist isoliert
- „Haus & Hof“ von Wolfgang Zehetner: Fokus auf Katasterdaten, Besitzverhältnisse und Grundherrschaften in Österreich
- DORIS: Layer „Hofnamen und Häusergeschichte“ mit einem vergleichbaren Ansatz für Oberösterreich
- ROSI (Mühlendatenbank): Deutlich stärker genealogisch orientiert (thematisch spezialisiert auf Mühlen in Bayern)
- FRANZI: Grundstücke, Besitzverhältnisse, Nutzungsarten und Familiennamen (Franziszeischer Kataster für Tirol)
- Haus- und Hofforschung im Landgericht Griesbach: diverse Publikationen von Ulrich Demlehner mit Integration in den BayernAtlas
Gerade am Beispiel einzelner Objekte – etwa historischer Mühlen oder der Höfe im Landgericht Griesbach – wird deutlich, welches Potenzial in der Verbindung von Geodaten und genealogischen Informationen steckt.
OFB-Perspektive: Präsentation von Häuserlisten

Für die Ortsfamilienbücher wird diese Entwicklung nun aufgegriffen. OFB-Entwickler Herbert Juling hat auf Basis einer GEDCOM-Testdatei eine Darstellung umgesetzt, bei der:
- in einer Spalte die Häusergeschichte (zeitlich strukturiert) erscheint und
- in der anderen Spalte die zugehörigen Eigentümer und Bewohner gelistet sind.
Ein Beispiel ist das kleine Test-OFB „Höfeliste“, in dem ein einzelner Hof („Klosterstraße 3“) genau in dieser zweigeteilten Darstellung präsentiert wird.
Strategische Einordnung für CompGen
Für CompGen ergibt sich daraus eine klare strategische Perspektive: Die stärkere Verzahnung von Genealogie und Geografie sollte künftig gezielt ausgebaut werden. Das ist nicht nur eine technische Frage, sondern eine strategische
- Mehrwert für Regionalforschung: Orts- und Hauskontexte werden systematisch erschließbar.
- Bessere Vernetzung der Projekte: GOV, GEDBAS, OFB und weitere Dienste können enger verzahnt werden.
- Neue Zugänge für Nutzer: Einstieg über Karten (Geovis), Orte und Gebäude statt nur über Namen.
Fazit
Die Integration von Genealogie und Geografie ist kein neues Thema – aber eines, dessen Zeit gekommen ist. Die notwendigen Bausteine sind vorhanden:
- Datenmodelle (GEDCOM mit Erweiterungen)
- geografisches Referenzsystem (GOV)
- genealogische Plattformen (GEDBAS, OFB)
- Visualisierungsmöglichkeiten
Was noch fehlt, ist die konsequente Verbindung dieser Komponenten zu einem durchgängigen Ökosystem. Und die breitere Erprobung durch Forscher, denen regionale Bezüge wichtig sind. Gerade für Ortsfamilienbücher eröffnet sich hier eine neue Perspektive: ausgehend etwa von einem Hof die Verknüpfungen zu den dort lebenden und handelnden Personen aufzuzeigen.
Das ist mehr als eine technische Erweiterung. Es ist ein Perspektivwechsel.
Jetzt ist die Community gefragt: Wer eigene Haus- oder Hofdaten in strukturierter Form vorliegen hat, kann zur Erprobung dieser Ansätze beitragen. Ziel muss es sein, aus einzelnen Beispielen eine skalierbare Lösung für die Online-Ortsfamilienbücher zu entwickeln.


