DES-Projekt Hochschulschriften: Lückenschluss bis 1917 – Fokus Frankfurt/M.
Das seit Dezember 2021 laufende DES-Projekt „Hochschulschriften“ des Vereins für Computergenealogie (CompGen) arbeitet mit dem Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb (MPI) in München zusammen. Mit den Jahrgängen 1915 und 1916 schließt sich jetzt der Kreis: Das Projekt, über das wir hier im Blog laufend berichtet haben, hatte im Dezember 2021 mit dem Pilotjahrgang 1917 begonnen und sich danach vom ersten Jahrgang 1885/86 aus nach vorn gearbeitet. Nun ist die Lücke bis 1917 geschlossen.
Damit liegen 32 Jahrgänge ohne Unterbrechung vor, von August 1885 bis Ende 1917. Zusammen sind das 94.585 Einträge, darunter 1.860 Habilitationsschriften. Parallel wird bereits der Jahrgang 1919 erfasst.
Eine Universität von Bürgern für Bürger
Ab dem Jahr 1914 finden wir eine neue Universität in der deutschen Hochschullandschaft: Die Stiftungsuniversität Frankfurt am Main.

(Quelle: Universitätsarchiv Frankfurt a.M.)
Die meisten deutschen Universitäten wurden von Landesherren gegründet. Frankfurt ging einen anderen Weg. Die Universität war die erste deutsche Stiftungsuniversität. Bezahlt hat sie nicht das Königreich Preußen, sondern die Frankfurter Bürgerschaft. Treibende Kräfte waren Oberbürgermeister Franz Adickes und der Unternehmer Wilhelm Merton. Doch natürlich gab es mit Friedrich Althoff mächtige Fürsprecher im preußischen Kultusministerium, dem die Universität trotz allem unterstand. Das Stiftungskapital betrug mehr als 14 Millionen Mark (nach unsicheren Angaben der Deutschen Bundesbank ca. 92 Millionen Euro), und aus den Zinsen sollte der Betrieb gedeckt werden.
Die neue Universität verband Einrichtungen, die es in der Stadt schon gab: die 1901 von Merton gegründete Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften, deren Jügelhaus zum Hauptgebäude wurde, die Institute der Senckenbergischen Stiftung, den Physikalischen Verein und die städtischen Kliniken. Diese Wurzeln lassen sich in den Einträgen ablesen. Mindestens sieben der frühen Frankfurter Doktoranden geben an, zuvor an der Akademie studiert zu haben. Mehrere medizinische Dissertationen stammen „aus dem Senckenbergischen pathologischen Institut der Universität zu Frankfurt a.M.“.
Keine Theologie, dafür Sozialwissenschaften
Wie schon bei Münster zeigt sich auch hier: Neugründungen haben die Freiheit, Neues in die Welt zu bringen. Nach dem Willen der überwiegend jüdischen Stifter gab es in Frankfurt keine theologische Fakultät, denn Glaube und Konfession sollten an der liberalen Hochschule keine Rolle spielen. Aus der Akademie ging dafür die erste wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Fakultät in Deutschland hervor. Hinzu kamen eine juristische, eine medizinische, eine philosophische und eine naturwissenschaftliche Fakultät.
In den Jahrgängen 1915 bis 1917 finden sich 55 Frankfurter Einträge. Damit ist Frankfurt die mit Abstand kleinste Universität im Verzeichnis. Leipzig und Berlin kommen im selben Zeitraum auf jeweils über 500 Einträge. Viele Doktoranden hatten ihr Abitur an Frankfurter Schulen gemacht, etwa am Goethe-, Lessing- oder Kaiser-Friedrichs-Gymnasium. Die frühen Doktoren studierten woanders und gingen eigens zur Promotion nach Frankfurt.
Bekannte Namen
Schon in den ersten Jahrgängen finden sich bemerkenswerte Personen:
Minna Lang war eine von vier Frauen unter den frühen Frankfurter Promovierten. Sie war Lehrerin und besuchte nebenher die Physikkurse der Akademie und schrieb sich 1914 regulär ein. 1917 wurde sie mit „Untersuchungen über die Absorption harter Röntgenstrahlen in Gasen“ als erste Frau in Frankfurt im Fach Physik promoviert. Da sie der NSDAP beitrat, durfte sie nach 1945 nicht mehr als Lehrerin arbeiten. Stattdessen wurde sie Kustodin der Meininger Museen.
Friedrich Dessauer aus Aschaffenburg wurde 1917 mit einer Arbeit „Über einen neuen Hochspannungstransformator und seine Anwendung zur Erzeugung durchdringungsfähiger Röntgenstrahlen“ promoviert. Er war ein Pionier der Röntgentechnik, später Reichstagsabgeordneter des Zentrums und ging 1934 über die Türkei in die Schweiz, wo er an der dortigen Universität arbeitete. Ab 1953 lehrte er an der Universität Frankfurt.
Edmund Speyer stammte aus Frankfurt. Seine Habilitationsschrift „Beiträge zur Kenntnis des Thebains und seiner Derivate“ ist im Jahrgang 1916 verzeichnet. Zusammen mit dem Chemiker Martin Freund, der auch zahlreiche Frankfurter Dissertationen betreute, stellte er 1916 erstmals das Opioid Oxycodon her (unter dem Handelsnamen „Eukodal“ von Merck bis 1990 vertrieben). 1942 starb er im Ghetto Litzmannstadt.
Hans Henning war ein Enkel Rudolf Virchows und Assistent am Psychologischen Institut. Er habilitierte sich 1916 mit einer Schrift über den Geruch. Darin entwickelte er das „Henning-Prisma“, das sechs Grundgerüche (würzig, blumig, fruchtig, harzig, faulig, brenzlig) den Ecken eines Prismas zuordnet. 1922 wurde er Professor an der Technischen Hochschule Danzig, doch schon 1934 dort beurlaubt, weil er mit einer Jüdin verheiratet war.
Alfred von Martin habilitierte sich mitten im Krieg mit „Studien zu Coluccio Salutati“, einem Florentiner Humanisten. Er wurde später als Soziologe bekannt und lehrte und forschte u.a. an den Universitäten Frankfurt, München und Göttingen.
Weitere Mitwirkende bei der Datenüberprüfung und -eingabe sind herzlich willkommen. Informationen finden sich im GenWiki.


