Statistische Spurensuche: Was uns das Grabstein-Projekt über das Sterbealter verrät
Wer im Grabstein-Projekt des Vereins für Computergenealogie (CompGen) aktiv ist, möchte in erster Linie Familiengeschichtsforschern den Zugang zu personengeschichtlichen Quellen erleichtern. Doch aus unserer jahrzehntelangen Arbeit ist ein gigantischer, demografischer Datenschatz entstanden. Was verrät uns dieser Datenbestand bei einer klassischen Quellenkritik? Wir haben das durchschnittliche Sterbealter aus unserer Projektdatenbank mit den offiziellen Daten des Statistischen Bundesamtes (Destatis) verglichen. Das Ergebnis ist ein großes Kompliment an alle Mitmacher und ein faszinierender Blick auf die Demographie in Deutschland.

Das Gesetz der großen Zahlen
Für eine saubere Analyse wurden nur Datensätze herangezogen, bei denen Geburts- und Sterbejahr zweifelsfrei lesbar erfasst sind (80 % unseres Gesamtbestands). Außer den Einschnitten in den zwei Weltkriegen sieht man den kontinuierlichen Anstieg des durchschnittlichen Sterbealters von 60 Jahren in den 50ern bis 80 Jahre heute. Ab den 1950er Jahren deckt sich die Kurve unseres Citizen-Science-Projekts sehr genau mit der amtlichen Statistik. Das Gesetz der großen Zahlen bügelt Zufallsschwankungen weitgehend aus: Unsere Datenbank enthält pro Jahr Zehntausende Einträge – mit einem Peak von über 118.000 Personen im Jahr 2010. Ganz beiläufig widerlegen unsere Daten damit auch das Narrativ der ‚guten alten Zeit‘: Nie wurden die Menschen in Deutschland im Durchschnitt älter als heute. Die Farbsättigung der Jahresbalken spiegelt die Menge der erfassten Personen wider. Je dunkler das Blau, desto umfangreicher ist die Datenbasis.
Der Blick in die Geschichte: Wo die Daten täuschen müssen
Ein Blick auf die Daten von 1900 bis in die Nachkriegszeit zeigt sofort die tiefen Einschnitte der Weltkriege. Der dramatische Absturz des Durchschnittsalters, mit dem Tiefpunkt im Jahr 1918 von unter 35 Jahren, spiegelt die Masse der jungen Kriegsopfer und die Spanische Grippe wider. Um das Jahr 1900 herum liegt das Sterbealter in unserer Statistik dagegen viel zu hoch. Der Grund ist ein klassischer Überlieferungsverlust: Die damals hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit drückte die amtlichen Zahlen massiv nach unten. Auf den Friedhöfen hinterließ dies kaum Spuren, da für Kleinkinder selten dauerhafte Steine gesetzt wurden und Gräber schnell neu belegt wurden. Unsere Datenbank zeigt hier also nicht die reale Lebenserwartung, sondern primär das, was die Zeit überdauert hat.
Warum weichen die Kurven leicht ab?
Die minimalen Abweichungen zu den Destatis-Zahlen in den letzten Jahrzehnten lassen sich durch methodische Eigenheiten unseres Projekts erklären. Das Sterbealter unterscheidet sich in Deutschland regional deutlich (im Süden und Westen liegt es höher als im Norden und Osten). Unsere Erfassungstätigkeit ist auf dem Land und in Kleinstädten meist dichter als in Großstädten, was statistisch zu einer gewissen Unschärfe führt. Während Destatis auch Nicht-Ansässige erfasst, die auf deutschem Boden versterben und oft keinen Stein hier erhalten, landen im Ausland verstorbene Deutsche häufig im heimischen Familiengrab und fließen so in unsere Daten ein.

Amtliche Statistik trifft lebendige Forschung
Während das Statistische Bundesamt historische Jahrgänge nach Abschluss der Erhebung als feste, unveränderliche amtliche Kennzahlen ausweist, wächst unser Datenbestand naturgemäß an: Wir erschließen vergangene Jahre durch die laufenden Erfassungen Stück für Stück. Da Destatis aus Datenschutzgründen verständlicherweise nur aggregierte Tabellen bereitstellt, bietet unser Grabstein-Projekt hier eine faszinierende Ergänzung. Wenn ehrenamtliche Fotografen historische Friedhöfe erfassen, fließen die Daten rückwirkend in die Auswertung ein und füllen die historischen Lücken Jahr für Jahr genauer. Jeder Datenpunkt lässt sich dabei per Klick auf den Jahresbalken bis zum Friedhof und zum einzelnen Grabstein zurückverfolgen.
Der Masterplan? Macht die Praxis!
Wir werden oft gefragt, wann Friedhof X an die Reihe kommt und wie unser Masterplan aussieht. Unsere Antwort lautet: „Arbeite doch einfach mit, dann ist Friedhof X als nächstes dran!“ Genau das ist der Graswurzel-Effekt unseres Projekts. Wir bilden keine am Reißbrett gezogene Stichprobe ab, sondern bilden die reale Erinnerungskultur unserer Orte dort, wo sich Menschen ehrenamtlich engagieren. Dass dieser ungeplante Ansatz ein so verblüffend präzises Gesamtbild liefert, ist der beste Beweis für den Erfolg dieser Bürgerwissenschaft.
Ein herzliches Dankeschön an alle, die mit der Kamera auf den Friedhöfen diesen Datenschatz zusammentragen!

