Ein Genogramm zeigt mehr als der Stammbaum
In der Familien- und Ahnenforschung ist der Stammbaum die übliche Darstellung der Nachkommen einer Person bzw. eines Ehepaares, meist in Form eines Baumes, an dessen Wurzeln die ältesten Vorfahren stehen und die Nachkommen im Stamm und in den Zweigen eingetragen werden. In einer schematischen Kästchen-Grafikdarstellung werden die Personen aus der gleichen Generation in einer Linie eingetragen, wobei die älteste Generation auch oben und die jüngste Generation unten dargestellt werden kann. Auch Genogramme können für die Visualisierung von Familien genutzt werden. Was zeigt ein Genogramm mehr an als der bekannte Familien-Stammbaum?
Aus Familiendiagrammen werden Genogramme
Das aus Genealogie und Diagramm zusammengesetzte Kunstwort „Genogramm” ist eine Erfindung der Nachkriegszeit. Der Psychiater Murray Bowen (1913–1990) entwickelte in den 1950er Jahren eine Theorie der Familiensysteme, bei der emotionale Prozesse in Familiendiagrammen dargestellt werden. Sie gehen damit über die biologische Abstammung hinaus. Es gab viele Versuche zur Standardisierung der Symbole und Methoden, bis sich in den 1980er Jahren mit dem Buch von Monica McGoldrick und Randy Gerson „Genograms in Family Assessment” (1985; deutsche Ausgabe: Genogramme in der Familienberatung, 5. Aufl. 2022) der erweiterte Begriff von Genogrammen durchsetzte. Sie werden in der sogenannten systemischen Familientherapie eingesetzt, aber auch in der Sozialarbeit, Psychotherapie, Pädagogik, Medizin, Forschung und sogar in der Wirtschaft.
Standardisierte Symbole und Software
Für die Darstellung gibt es bestimmte Symbole z.B. Quadrate für Männer und Kreise für Frauen, weitere für nicht binäre oder transgender Personen. In den Verbindungslinien werden die Beziehungen zwischen den Personen verdeutlicht: Ehe, Scheidung, Geschwister- oder Eltern-Kind-Verhältnis. Auch können relevante Ereignisse wie Streit, Krankheit, Haltungen, Lieblingskinder usw. dargestellt werden. Heiko Hungerige vom Roland zu Dortmund (und CompGen-Mitglied) hat ein Genogramm-Beispiel für die Darstellung des Ahnenimplex als Roland-Info-Grafik erstellt.
Die Suche nach „Genogramm Software” bei Google liefert zahlreiche kostenlose und kostenpflichtige Programme für Windows- und Mac-Rechner oder Tablets. Wegen der Vielzahl der Produkte ist ein Überblick hier nicht möglich. Die meisten Programme kommen aus dem Ausland, einen Vergleich gibt es hier. Mit GenogramAI gibt es sogar ein KI-gestütztes Programm aus Kanada, das aus Handzeichnungen Grafiken erstellt. Produkte aus Deutschland sind z.B. WebGeno, GenoEasy, Genograph oder Genogramm Designer.

Ein Beispiel für die Mehrgenerationen-Familientherapie zeigt das nebenstehende Beispiel-Genogramm einer 1982 geborenen, zum Zeitpunkt der Erstellung (2011) 29 Jahre alten Frau (gelb hervorgehoben im Zentrum), die neben drei Jahre jüngeren Zwillingsbrüdern die Tochter aus einer 1988 geschiedenen Ehe mit spielsüchtigem Vater ist. Das Verhältnis zur verwitweten Schwiegermutter ist von Misstrauen belastet.
In der Fotografie dargestellt ist die 2008 geborene Tochter der Protagonistin, ein Einzelkind mit einer angeborener Herzkrankheit, wie sie schon bei der 1992 im Alter von nur 36 Jahren verstorbenen Großmutter mütterlicherseits diagnostiziert worden war (englischsprachige Grundlage)
(Quelle: Jcmorin Wikipedia gemeinfrei).

