Biographische Miniaturen früher Automobilisten

Unter dem Titel Wegbereiter des Automobilismus im Odenwald, Die Kraftfahrzeugbesitzer im Kreis Erbach 1909 veröffentlichte Johann Heinrich Kumpf einen Aufsatz, der in vielfacher Hinsicht der Aufmerksamkeit des Familienforschers wert ist. Der faktenreiche Text ist eng verbunden mit dem DES-Projekt „Deutsches Automobil-Adreßbuch 1909“ des Vereins für Computergenealogie. Denn für Johann Heinrich Kumpf, heute Berlin, war die Aufbereitung dieses Projekts, wie er schreibt, „der Impuls, mich mit den ersten Kraftfahrzeugbesitzern in meiner hessischen Heimat auseinanderzusetzen“. Der Reiz seiner Arbeit liegt in den vielen biographischen Miniaturen der frühen Autobesitzer.

Heinrich Kumpf (rechts) hier mit Fahrzeug der Odenwald-Buslinie, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Gert Heinz Kumpf M.A.

Dass Adressbücher mit ihrer hohen Erschließungsdichte für den Familienforscher immer noch – wie ich meine – eine unterschätzte Quellengattung sind, wird nach der Lektüre seines Textes offensichtlich. Denn dem Autor gelingt mittels der interpretierten Daten des Projektes eine plastische Darstellung des beginnenden Kfz-Zeitalters im hessischen Kreis Erbach.

Dort gab es im Jahr 1909 schon 38 Besitzer eines Kraftfahrzeugs oder Kraftrads. Somit hatte sich die Anzahl der in der ersten amtlichen Zählung von 1907 erfassten fünf Motorräder und Autos innerhalb von drei Jahren verachtfacht. Diese Zahl veranschaulicht die dynamische Entwicklung jener Jahre.

Kumpf hat für alle Fahrzeughalter biographische Daten zusammengetragen und zu gut zu lesenden farbigen Kurzbiographien verarbeitet. Natürlich musste man sich erst einmal ein Auto leisten können, und so dominieren unter den Besitzern Mediziner, Fabrikanten, Adelige und natürlich Fahrzeughändler. Der Leser erfährt von Autorennen, Schwierigkeiten bei der Pannenbehebung, auch, dass schon damals die Reifenqualität bei diesen Rennen wichtig war. Fahrrad- und Nähmaschinenwerkstätten begannen, Fahrzeugreparaturen anzubieten.

Auch Heinrich Kumpf, der mit dem Autor gemeinsame Wurzeln teilt, war Fahrzeugbesitzer, zunächst eines Motorrads und später eines Autos. Er nahm an Autorennen teil und war als Stadtverordneter in Erbach an der Errichtung der ersten Odenwald-Buslinie beteiligt (siehe Foto).

Der Autor hat für seinen Text umfangreiche Quellen ausgewertet, die einen wissenschaftlichen Apparat von vier Seiten füllen; neben Personenregistern auch Zeitschriften und heimatgeschichtliche Abhandlungen. Der an Autogeschichte interessierte Leser kann hier nach für ihn relevanten Quellen suchen. Auf eine Literaturliste wurde verzichtet.

Der besprochene Text ist ein weiteres schönes Beispiel für das fruchtbare Zusammenspiel von durch freiwillige Helfer erfassten Projektdaten und den Ergebnissen umfangreicher quellenbasierter Forscherarbeit. In den Projekten des CompGen schlummert viel weiteres Material für ähnliche familiengeschichtliche Darstellungen.


  • Die deutschen Kraftfahrzeug-Besitzer in der Reihenfolge der polizeilichen Kennzeichen : deutsches Automobil-Adreßbuch ; gefertigt an der Hand des amtlichen Materials der listenführenden Behörden der sämtlichen deutschen Bundesstaaten. Stuttgart 1909 / Digitalisat der TU Braunschweig
  • Johann Heinrich Kumpf: Wegbereiter des Automobilismus im Odenwald / Die Kraftfahrzeugbesitzer im Kreis Erbach 1909, im Odenwälder Jahrbuch für Kultur und Geschichte 2020, Hrsg. Kreisarchiv des Odenwaldkreises, Dez. 2019, S. 276 – 292.