Eine Erinnerung an Weihnachten 1944

Weihnachten in der Familie einmal „anders“ feiern, das erleben wir in diesem Jahr ja ganz besonders. Der Heilige Abend des Jahres 1944 war sicher mit anderen Entbehrungen verbunden.

Meine Großmutter Gertrud Reuchlin (1899-1982) schreibt an ihren Sohn Gerhard

Hier der Bericht über den Heiligen Abend aus diesem Brief:

Nach dem Essen sagte Frau Rühle, im Stollen hätten sie einen Christbaum gemacht, es würden aber noch ein paar größere Zweige fehlen. Wir holten sie von den großen Tannen auf dem oberen Spielplatz und dabei kam mir der Gedanke, dass ich eigentlich im Falle eines Alarmes anstatt der Schreibmaschine auch einmal die Geige mitnehmen könnte. Ich holte sie gleich und zog eine fehlende D-Saite auf. Kurz darauf kam tatsächlich Vollalarm und wir mussten in den Stollen. Er war mit Tannenzweigen, an denen schöne, bunte Kugeln und sogar Lichter befestigt waren, festlich geschmückt und in der Nische, bei der wir links abbiegen, stand ein Christbaum. Wir gingen an unseren neuen Platz ganz hinten (an unserem seitherigen steht auf der Bank und auf dem Boden das Wasser und von oben tropft es dauernd). Nach kurzer Zeit ging auf einmal das Licht aus, die Kerzen flammten auf und weiter vorn fingen sie an zu singen. Ich packte schnell meine Geige aus, ging vor und spielte mit. Da fast niemand gesehen hatte, dass ich die Geige dabei hatte, waren alle freudig überrascht. Wir sangen gut ein halbes Dutzend Weihnachtslieder, zwei kleine Mädchen von 6 und 8 Jahren wichen nicht von meiner Seite, besonders eifrig sangen die Männer, manche zwar entsetzlich falsch, zum Beispiel Herr Eitel und Herr Leo Bauer, aber das machte gar nichts, es war eigentlich rührend. Da man die Geige immer nur ein Stück weit hörte, musste ich durch den ganzen Stollen wandern, immer mit den kleinen Mädchen; wohl 15 Mal haben wir „Stille Nacht, heilige Nacht“ gesungen. Diese ganz improvisierte Stollenweihnachtsfeier gehört zu den eindrucksvollsten, die ich je erlebt habe.

Ob sich die beiden Mädchen – möglicherweise leben sie heute noch – noch viele Jahre an diese Heiligen Abend in der Kriegsnacht erinnert haben?

Die anschließende Abendessen am Heiligen Abend zelebrierte die Familie im kleinsten Kreis in der Notwohnung: Das Sofa war das „Empfangszimmer“, der Raum um den Ofen war die „Küche“, das „Weihnachtszimmer“ war an der dem Sofa gegenüberliegenden Wand und das „Speisezimmer“ war der Tisch in der Mitte des Raumes. Am winzigen Tannenbäumchen im Blumentopf aus dem Garten leuchteten drei Lichter, die aber so hell strahlten wie an einem großen Baum. Die Wand dahinter war mit Tannenzweigen dicht besteckt, an denen die kleinen Engelchen schwebten und aus denen besonders schöne, große purpurrote Hagebutten leuchteten. Das sah sehr festlich und weihnachtlich aus, wenn wir auch keine Krippe hatten. Wir sangen „Stille Nacht, Heilige Nacht“ und „Oh Du fröhliche“ und bescherten uns dann unsere kleinen Geschenke.

Wir wünschen allen ein frohes Weihnachtsfest!