Podiumsdiskussion in Münster am Tag der Demokratie 2026
Zum internationalen Tag der Demokratie luden am Dienstag, 15. September 2026, fünf Münsteraner Archive zu einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion ein mit dem Titel „Fakten – Fakes – Fiktionen: Sind Archive unverzichtbar für unsere Demokratie?“. Die archivische Sichtweise wurde vom erst kürzlich angetretenen Präsidenten des NRW-Landesarchivs, Tobias Hermann, vertreten. Eine didaktische Sicht brachten der Geschichtslehrer (und frühere Kommunalpolitiker) Michael Jung sowie der Student (und frühere Gewinner des Geschichtswettbewerbs) Severin Bohn ein. Den meisten Raum erhielten die Archivnutzer:innen, nämlich drei Autor:innen von Werken, die in unterschiedlichem Maß zur Familiengeschichte zählen – Ewald Frie, Sandra Lüpkes und Traudl Bünger.

Archive schaffen Transparenz
Ist Familienforschung, ist Archivbenutzung also ein Beitrag zur Demokratie (und demnach politisch)? Aus archivischer Sicht ist schon die Existenz von Archiven demokratisch. Sie machen politische Entscheidungen transparent und sind demnach, je offener und zugänglicher sie sind, eine Grundlage, um Geschichtspropaganda entgegenzuwirken (wie wir sie z.B. aus Russland seit dem Verbot von Memorial kennen). Diese Transparenz bezieht sich nicht nur auf die Vergangenheit: Auch gegenwärtige Verwaltungen werden durch Archivberatung in guter Aktenführung geschult.
Durch Digitalisierung zugänglich gemacht werden dabei vor allem die Materialien, die wir Nutzer:innen nachfragen, vor allem solche zur Personengeschichte in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Warum diese? Eben weil die Nachfrage da ist; das Archiv steuert unsere Forschung nicht. Zugänglichkeit ist auch aus schulischer Sicht entscheidend, wobei die Digitalisierung hilft, Bezahlschranken jedoch beklagt wurden. Der Zugang für junge Menschen braucht aber auch die Aura des Originals; entscheidend ist es zu lernen, dass es sich in der Geschichte um wirkliche Menschen handelt.
Sammeln, Fühlen, Schreiben
Einen großen Raum nahmen die Arbeitsweisen der drei Buchautor:innen ein. Gemeinsam ist ihnen, dass sie (teils jahrelang) recherchieren und auch erzählen. Wie schreibt man so, dass man den verschiedenen Ansprüchen gerecht wird? Und wie bekommt man Menschen ans Schreiben? Forschung ist ja nicht nur Datensammeln. Wer forscht und schreibt, tut das oft aus einem Bewusstsein der Zugehörigkeit, der Identifikation. Das findet sich auch bei den Leser:innen – neben dem Anspruch der wissenschaftlichen Community, dass das auch alles stimmen und nachvollziehbar sein soll. Schule, Archiv und Forschung tun sich dabei schwer, diese Identifikation auch für migrantische Geschichten zu ermöglichen.
Familiengeschichten zu schreiben, überhaupt: Geschichten aufzuschreiben, die nicht nur die hohe Politik betreffen, hängt also mit Gefühlen zusammen. Sandra Lüpkes berichtete von den Hemmungen, sich an die aus der eigenen Familie überlieferten Dokumente heranzuwagen – die Geschichtslegenden einer „Schule am Meer“ auseinanderzunehmen ist leichter, als das mit den eigenen Familienlegenden zu tun. Ewald Frie hat mit seinen zehn Geschwistern Interviews geführt, altersmäßig über ein Vierteljahrhundert auseinander und damit Ankerpunkte für eine ähnlich breit verteilte Leserschaft. Als professioneller Historiker fühlt er sich ihnen verpflichtet – aber natürlich auch der eigenen Fachwelt. Zwischen diesen Lagen muss man beim Schreiben gut navigieren. Traudl Bünger, Tochter eines Rechtsextremisten, erzählte von der großen „Ambiguitätstoleranz“, die der Umgang mit dessen Geschichte ihr abverlangte – einem Mann, den sie liebte und dessen Politik sie nie ertrug. Die Jahre im Archiv gaben ihr Antworten, die sie vom Vater nicht bekommen hatte.
Gelegentlich wird in der Genealogie argumentiert, unser Hobby sei unpolitisch. Mag sein; die Archive sehen es zumindest als demokratisch.


