Einfachere kostenlose Suche in der NSDAP-Mitgliederkartei gestoppt
DER SPIEGEL und DIE ZEIT haben mit ihren – kostenpflichtigen – Portalen zur Personensuche in den digitalisierten Mikrofilmen der NSDAP-Mitgliederkarteien (wir berichteten) aus den US National Archives ein breites Echo hervorgerufen. Sie haben durch Eingabefenster die Suche in den Tausenden von Mikrofilmen wesentlich vereinfacht. Auch das Rechercheportal CORRECTIV mit seinem Partner KATAPULT-Magazin wollte mit einer vergleichbaren Anwendung für eine – kostenlose – Suche online gehen. Doch die einfachere kostenlose Suche in der NSDAP-Mitgliederkartei wurde nun gestoppt.
Der Weg zur Suche – doch nicht mehr kostenlos
Spezialisten der beiden Wochenzeitschriften hatten die digitalisierten Bilder aus über 5.000 Mikrofilmen als PDF-Dateien heruntergeladen und durch eine KI-Anwendung entziffern lassen. Dadurch wurden große Teile der Einträge auf den Karteikarten maschinenlesbar. Unklar geblieben ist, mit welcher KI die Karteikarten lesbar gemacht wurden und warum die Suchergebnisse unterschiedlich und unvollständig sind.
Dies ist auch bei den – immer noch kostenlos zugänglichen – Digitalisaten der US National Archives der Fall. Nach der Eingabe von Name, Vorname und Geburtsdatum werden auf den angezeigten Filmrollen die Seitennummern für die gesuchten Karteikarten angezeigt, die man dann direkt anwählen kann. Eine Garantie, dass wirklich jede Karteikarte gefunden wird, gibt es bei keiner der genannten Suchmaschinen. Letztlich muss man dafür die Bilder des Mikrofilms einzeln durchblättern.
CORRECTIV/KATAPULT hatten für ihr Angebot die Daten von Christoph Reit von der Webseite https://brownarchive.org genutzt, um eine kostenlose Alternative zur Suche auf den Seiten von SPIEGEL und ZEIT anzubieten. Inzwischen hat sich aber herausgestellt, dass die vom Entwickler für das „Brownarchive“ genutzten Daten auf der Datensammlung der ZEIT basierten. Nach nur zwei Tagen wurden daher die kostenlosen Suchseiten vom Netz genommen. Allerdings arbeiten die beiden Partner weiter daran, mit einer eigenen Lösung wieder eine kostenlose Suche zur Verfügung zu stellen.
Derweil richtete der stellvertretende Leiter des Geschichtsressorts des SPIEGEL, Felix Bohr, einen flammenden Apell an das Bundesarchiv, die Bilder und Daten der NSDAP-Mitgliederkartei – versehen mit entsprechenden Filtern zur Einhaltung des Datenschutzes – selbst online zu stellen. Das Bundesarchiv plant nach eigenen Angaben bisher eine Veröffentlichung erst für Ende 2027.
Weltweites Echo

Auf ihren Webseiten schreiben Le Monde (Frankreich), EL PAÍS (Spanien), The Guardian (Großbritannien), oder CNN World über das Angebot der ZEIT. Auch Hаша Hiba (Belarus) und Jewish News Syndicate (JNS, Israel) berichten darüber. Die BBC (Großbritannien) und CBC Radio (Kanada) interviewten Christian Rainer, der feststellte, dass sein Großvater Franz (1886–1961) am 1. April 1938, wenige Wochen nach dem „Anschluss“ Österreichs Parteimitglied wurde. Im Portal des Polnischen Rundfunks wird Felix Lieb vom Münchener Institut für Zeitgeschichte (IfZ) zitiert, der sagte, dass das Tabu in den Familien durch die durchsuchbaren Datenbanken aufgebrochen wird, aber warnt, dass eine Mitgliedschaft wenig über das tatsächliche Verhalten im Dritten Reich sagt. DIE ZEIT notiert in ihrer Presseübersicht sogar Meldungen in der indischen Zeitung Dainik Bhaskar und auf der Nachrichtenseite von New Delhi Television.
In der Gruppe r/Genealogy der Social Media Plattform Reddit hat Scanian Moose Mitte März ausführlich über die NSDAP-Kartei informiert und als Suchhilfe auch die Tabelle erwähnt, die von CompGen und AgoFF erstellt wurde.
In deutschen Medien haben die meisten Zeitungen und Radio-/Fernsehstationen über die neuen Zugangsmöglichkeiten berichtet. Mit der provokanten Frage „war Opa ein Nazi?“ wurde der Blick auf die eigene Familiengeschichte gelenkt. Die „taz“ begrüßt die neuen Zugangsmöglichkeiten als Fortschritt. Der Kommentator findet aber, dass mit den Suchtools hinter einer Bezahlschranke mit der Vergangenheitsbewältigung fragwürdigerweise Geld verdient werden kann.
Im Verein für Computergenealogie (CompGen) suchen und befürworten wir kostenlose Zugangsmöglichkeiten und bietet zunächst auf der GenWiki-Seite zur NSDAP mit einer Tabelle Hilfen an, die auch bereits auf anderen Webseiten wie der von Anja Klein oder der AGoFF kostenlos genutzt werden kann.
Wir werden weiter zu diesem Thema informieren und freuen uns auf Eure Erfahrungsberichte.

Screenshot: Anja Kirsten Klein/National Archives
