Teufelsreiter – sein Pferd folgte ihm an’s Grab

Nach der Dokumentation der Grabsteine auf dem Friedhof Bremen-Woltmershausen entdeckte der Fotograf beim Verlassen der Gräberfelder abseits im Gebüsch ein ungewöhnliches Denkmal. Neugierig, welche Geschichte sich hinter diesem Verstorbenen verbarg, ergab die Recherche folgendes:

Noch im hohen Alter von fast 100 Jahren erinnerte sich Else Rau an den 3. Mai 1929, als sei es gestern gewesen. „Plötzlich kam ein Pferd – ohne Reiter und Begleitung. Es lief zum Grab, legte sich hin und wollte nicht wieder aufstehen.“ Else Rau betrauerte damals einen Toten, von dessen Geschick das ganze Viertel jahrelang sprach. An jenem Maitag 1929 wurde Mohamet in die fremde Woltmershauser Erde gelegt. Von seiner Heimat im fernen Kaukasus hatte vermutlich dieser oder jener Trauergast noch nie etwas gehört. Die Anteilnahme aber war überwältigend, denn Mohamet war erst 21 Jahre alt, als er sein Leben verlor. Der junge Tscherkesse, von dem es hieß, er und seine Kollegen fürchteten weder Tod noch Teufel, hatte zur „Reitertruppe Alibed“ im Zirkus Sarrasani gehört. Bis zum 12. Mai gastierte das Unternehmen damals auf dem Hohentorsplatz. Seine tollkühnen Reiter waren derart beeindruckend, dass sie sogar den Berichterstatter der „Bremer Nachrichten“ faszinierten: „Als sei der Teufel selbst in diese Leute gefahren.“

Foto: Holger Holthausen

Doch nicht beim wilden Ritt in der Manege schlug das Schicksal zu. Es traf Mohamet bei einem Gang durch Bremen. In der Woltmershauser Allee wurde der Tscherkesse von einem Sprengwagen der Straßenreinigung angefahren. „Er fiel so unglücklich, dass ihm ein Rad über eine Schulter ging und ihn auch am Kopf verletzte“, meldeten die „Bremer Nachrichten“ am 4. Mai 1929. Die Ärzte im Wilhadi-Krankenhaus, später Rotkreuz-Krankenhaus, konnten seine inneren Blutungen nicht stillen, sein Leben nicht retten.

„Mohamet, Reiter der Truppe Alibed“ steht auf dem schmalen, schwarzen Grabstein, den seine Zirkus-Kollegen auf dem Woltmershauser Friedhof aufstellen ließen. Sie hatten dazu einen letzten Gruß in lateinischer und arabischer Schrift einmeißeln und unter Halbmond und Stern ein Porzellanbild des jungen Moslems anbringen lassen. Es zeigt einen Jüngling im Reiter-Kostüm, die Arme verschränkt, das Hemd hochgeschlossen, die Pelzmütze in der Stirn – ein Toter im fremden Land. Der Zirkus, der sein Leben war, zog ohne Mohamet weiter.

Viele Legenden rankten sich in Woltmershausen um Mohamet, seinen Tod und die Beerdigung. Ältere Pusdorfer haben unterschiedliche Erinnerungen. Vermutlich stimmt jene Version, dass die Zirkusleute damals etliche Tiere mit zur Beerdigung brachten, darunter auch Mohamets Pferd. Wie Hobby-Historiker des Pusdorfer Kulturladens später ermittelten, hat der Zirkus, als er wieder einmal in Bremen gastierte, die Grabstelle nach ihrem Ablauf um 25 Jahre verlängert. Das Grab sei 60 Jahre lang gepflegt worden. Der Stein steht jetzt an anderer Stelle und erinnert die alten Pusdorfer weiterhin an Mohamet – an ihn und die Abschiedsvorstellung seines Pferdes.

Quelle: Zeitungs-Artikel aus dem Weser-Kurier, Bremen, 18.06.2003. Mit Genehmigung der Autorin Rosemarie Francke-Rudolph, 2008.