Weltkindertag: Wenn Familien getrennt wurden – Suchdienstquellen für die Familienforschung
„Starke Kinder, starke Zukunft!“ – so lautet das Motto des Weltkindertags an diesem Sonntag, dem 20. September 2026. Seit 1954 macht die Bundesrepublik an diesem Tag auf die Bedürfnisse von Kindern und ihre Rechte aufmerksam. Die Geschichte zeigt jedoch, dass oft genau das Gegenteil die Realität war: Hunderttausende Kinder wurden durch Krieg, Flucht und Vertreibung von ihren Familien getrennt. Rund 20 Millionen Menschen in Deutschland waren 1945 Suchende oder Gesuchte. In der Familien- und Ahnenforschung begegnet uns dieses Kapitel in ganz persönlichen Geschichten – und Suchdienste sind bis heute die Stellen, an denen sich Schicksale aufklären lassen.
Der Kindersuchdienst des DRK – 300.000 Kinderschicksale seit 1945
Der Weltkindertag feiert Kinderrechte – der DRK-Suchdienst erinnert daran, wie schnell Kinder alles verlieren können: Namen, Familie, Identität.

Seit 1945 widmet sich der Kindersuchdienst des DRK der Aufklärung von Schicksalen von Kindern, die im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg durch Vertreibung, Flucht, Evakuierung und Kriegsgeschehen von ihren Familien getrennt wurden. Mit steckbriefartigen Zeitungsanzeigen, Kinderbildplakaten und Rundfunkdurchsagen, in denen Erscheinungsbild, Kleidung, Spielzeug und Auffindort detailliert beschrieben werden, suchte der Dienst nach den Angehörigen der sogenannten „Findelkinder“, die meist zu klein waren, um ihr Alter oder ihren Namen zu nennen.
Gleiches galt für die sogenannten „Wolfskinder“: verwaiste Kinder, oft aus Ostpreußen, die sich nach dem Krieg allein durchschlagen mussten, auf „Brotzügen“ ins benachbarte Litauen zogen und ihre deutsche Herkunft verbergen mussten. Viele von ihnen fanden bei litauischen Familien Aufnahme und erhielten eine neue Identität – nach Schätzungen waren bis zu 25.000 Kinder betroffen.
Zwar sind die damals angelegten Karteikarten und Bildplakate nicht online einsehbar, wie die Vermisstenbildlisten für die Soldaten, jedoch können über das Online-Formular des DRK-Suchdienstes Informationen erfragt werden. Bis heute unterstützt der Kindersuchdienst Menschen, die ihre Angehörigen suchen und ihre Schicksale aufklären wollen: Von rund 300.000 registrierten Kinderschicksalen seit 1945 konnten die meisten geklärt werden – weniger als 5.000 Fälle sind heute noch offen. Für viele Familien sind diese Karteien die einzige erhaltene Spur einer Kindheit – ein Grund mehr, diese Quelle für die Familienforschung nicht zu übersehen.
Zentrale Namenskartei (ZNK): 50 Millionen Karteikarten
Im Laufe der Jahrzehnte haben sich beim DRK-Suchdienst Millionen Suchanfragen angesammelt, die in der Zentralen Namenskartei (ZNK) zusammenlaufen. Daneben hat die ZNK eine Reihe wichtiger Spezialkarteien aufgenommen, darunter:
- Kinderkartei (Namens- und Merkmalkarteien von unbegleiteten Kindern)
- Kriegsgefangenen- und Vermisstenregistrierung von 1950
- Gesamterhebung der Vertreibungsverluste von 1955 bis 1959 (ca. 124.000 Karteikarten)
- Zentrale Interniertenkartei (ca. 1.200 Karten inkl. Haftfälle DDR)
- Kartei der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (ca. 900.000 Karten inkl. Haftfälle NKWD-Lager SBZ/DDR, Haftfälle DDR)
- Karteien aus dem Abgleich mit der damaligen Deutschen Dienststelle (WASt), Behörden, Gerichten und lokalen Versorgungsbehörden (Heimkehrermeldekarten)
- Karteien der dänischen Flüchtlingsadministration Kopenhagen betreffend Flucht über die Ostsee, Ankunft und Internierung in Dänemark (ca. 200.000 Karten)

(© DRK-Suchdienst)
Die ZNK ist bis heute die Grundlage aller Nachforschungen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg. Die Kartei ist alphabetisch-phonetisch nach den Familiennamen der Gesuchten und im Begegnungsverfahren geordnet; dadurch lassen sich auch abweichende Schreibweisen (z. B. Meier/Meyer, Schmidt/Schmitt) wiederfinden. Die Digitalisierung begann bereits in den 1990er Jahren; nach über zehn Jahren Arbeit liegen alle Karten digital vor und passen auf eine 5-Terabyte-Festplatte. Ausgewertet werden sie von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Suchdienstes – ein frei zugängliches Online-Portal gibt es nicht.
Neben diesen großen Beständen verfügt der DRK-Suchdienst über viele weitere Unterlagen an seinen beiden Archivstandorten München und Hamburg und recherchiert auch in osteuropäischen Archiven, aus denen immer wieder neue digitale Bestände hinzukommen.
Suchanfrage beim DRK-Suchdienst stellen – so geht’s
Für Angehörige (Verwandte in gerader Linie, Geschwister, Ehe- und Lebenspartner, auch deren Geschwister usw. – § 2 Abs. 1 Nr. 4a DRK-Suchdienst-Datenschutzgesetz) ist die Auskunft kostenlos; alle anderen Anfragen werden im Einzelfall geprüft und können gebührenpflichtig sein. Auch heute gehen noch jährlich tausende Anfragen ein.
Für die Anfrage gibt es mehrere Wege:
- das Online-Formular „Suchanfrage Zweiter Weltkrieg“
- das interaktive PDF „Nachforschungsanfrage 2. WK“, das sich ausfüllen, scannen und per Brief oder E-Mail senden lässt
- die persönliche Beratung in einem DRK-Kreis- oder Landesverband in der Nähe
Damit die Nachforschung greift, sollten diese Angaben so vollständig wie möglich bereitliegen:
- Familienname, Vorname und Geburtsname der gesuchten Person
- Geburtsdatum und Geburtsort, ggf. Beruf und Familienstand
- Heimatanschrift am 1. September 1939
- Datum bzw. Jahr der letzten Nachricht
- bei Soldaten: Dienstgrad, Feldpostnummer oder offene Truppenbezeichnung, ggf. Kriegsgefangenenlager und Lagernummer
- bei Zivilpersonen: letztbekannte vollständige Wohnanschrift, ggf. Lagerort und Lagernummer
Die Ergebnisse kommen in der Regel schriftlich. Auskunft zum Bearbeitungsstand gibt es laut DRK derzeit frühestens fünf Monate nach Eingang der Anfrage. Um Rückfragen und damit Verzögerungen zu vermeiden, lohnt es sich, die Formulare so genau wie möglich auszufüllen.
Suchanzeigen in Nachkriegszeitungen finden
Neben den DRK-Listen erschienen Suchanzeigen und Kindersuch-Steckbriefe massenhaft in Nachkriegszeitungen. Der Kindersuchdienst warb gezielt über „Suchzeitungen“, Rundfunk und Bildplakate. Diese Titel werden nach und nach in verschiedenen Zeitungsarchivportalen durchsuchbar. Die meisten Nachkriegstitel sind wegen des Urheberrechts noch nicht frei digitalisiert; das Deutsche Zeitungsportal begann 2021 mit 247 Titeln und baut laufend aus. Nichts gefunden heißt also nicht, dass es nichts gibt. Auch Anfragen bei Archiven und Lokalbibliotheken lohnen sich (Hilfsmittel: Archivportal-D für regionale Archivbestände). Die GenWiki-Seite „Digitale historische Tageszeitungen“ bietet die beste regional geordnete Übersicht.
Suchstrategie-Tipps
- In beide Richtungen suchen: Suchanzeigen erschienen in der Zeitung des Flucht- oder Aufnahmegebiets und in der Heimatzeitung – für die Ostgebiete heißt das: auch tschechische und polnische Portale prüfen.
- Rubriken statt Volltext: Suchanzeigen standen oft in festen Rubriken („Familienanzeigen“, „Suchdienst“, „Kriegsnachrichten“) – im Zweifel Jahrgänge stöbern statt suchen.
- OCR-Toleranz einplanen: Namensvarianten und Ortsnamen statt Personennamen probieren; die Volltextsuche macht bei Frakturschrift und schlechtem Papier Fehler.
- Zeitfenster setzen: Die Heimkehrerwelle 1946–1955 brachte die meisten Anzeigen; da Kinder sich oft nicht erinnern können, ist der Anzeigenanteil kurz nach Kriegsende am höchsten.
Kirchlicher Suchdienst und Heimatortskartei (HOK)
Neben dem DRK-Suchdienst wurde nur wenige Monate nach Kriegsende der Kirchliche Suchdienst von Caritas und Diakonie (Hilfswerk der EKD) ins Leben gerufen. Im Unterschied zum DRK-Suchdienst war er ein Hilfsdienst speziell für Vertriebene, Flüchtlinge, Spätaussiedler und deren Nachkommen; die kirchlichen Hilfsstellen waren auf vermisste Zivilpersonen spezialisiert. Auch hier ging es oft um Familien mit Kindern, deren Meldung in der Flucht verloren gegangen war. Wenn also das DRK nichts fand, konnte die kirchliche Kartei trotzdem einen Treffer liefern – und umgekehrt.
Wichtigstes Hilfsmittel waren die Heimatortskarteien (HOK), die aus den Suchdienstmeldebögen von 1945 entstanden. Sie zeigten, wo eine geflohene Familie nach der Vertreibung neu gemeldet war und wer zusammen geflohen war. Damit überbrücken sie die Meldelücke zwischen 1945 und den 1950er Jahren, in der kommunale Meldeunterlagen oft fehlen.
Der Kirchliche Suchdienst wurde am 30. September 2015 eingestellt – 70 Jahre nach Kriegsende, weil die Anfragen stark zurückgegangen waren. Die Unterlagen gingen 2016 an das Bundesarchiv über; die Originale der HOK liegen im Bundesarchiv-Lastenausgleichsarchiv in Bayreuth; ihr Inhalt ist dort digitalisiert. Rechercheanfragen stellen Sie über den Benutzungsantrag des Bundesarchivs (Abteilung Bayreuth, E-Mail: laa@bundesarchiv.de). Im Archivportal-D ist der Bestand „Kirchlicher Suchdienst“ erschlossen. Auch in kirchlichen Archiven lassen sich vereinzelt Unterlagen des Suchdienstes finden – so berichtete das Evangelische Archiv Baden-Württemberg in einem eigenen Blogbeitrag über Plakate, Suchformulare und Karteien der Nachkriegszeit.
Fazit: Was der Weltkindertag mit der Familienforschung zu tun hat
Am Weltkindertag feiert Deutschland die Rechte der Kinder von heute. Die Quellen der Suchdienste erzählen von den Kindern von damals – und von denen, die bis heute damit beschäftigt sind: Die getrennt aufgewachsenen Kriegsjahrgänge sind heute zwischen 80 und über 90 Jahre alt. Manche suchen noch immer nach ihren Schwestern und Brüdern und noch immer finden sich Geschwister, die als Kinder auseinandergerissen wurden.
Vielleicht lohnt also der Blick in die eigenen Familienunterlagen: nach Feldpostbriefen, Suchkarten oder dem Hinweis auf ein Kind, das nie wieder auftauchte. Die Wege stehen oben – vom Online-Formular über die Vermisstenbildlisten bis zur Heimatortskartei in Bayreuth. Wer lieber hören als lesen möchte, findet im Projekt „Zeitzeugengespräche“ 15 kurze Filme von Menschen, deren Suche endete.
Starke Kinder, starke Zukunft – manchmal beginnt die Stärke damit, dass man seine eigene Geschichte kennt.


