Wie „braun“ waren Oma und Opa? – Video vom CompGen-Meeting
Über gängige und verborgene Quellen zur Erforschung der Familiengeschichte in der NS-Zeit sprach unser Mitglied Thomas Bauer, im Zivilberuf Pressereferent an der Universität Münster, im letzten CompGen-Meeting am 18. Juni 2026. Nicht die häufige Frage „War Opa in der NSDAP?”, sondern die Verstrickung des Individuums in ein Unrechtssystem und in Verbrechen war die Motivation des Referenten, die Zuhörerinnen und Zuhörer von dem verengten Blickwinkel auf die Mitgliedschaft in der NSDAP wegzuführen.
Die Aufzeichnung des Vortrages ist jetzt in unserem YouTube-Kanal „CompGen-Forschungstipps” online. Sie kann mit einem Klick auf den weißen Pfeil in der Bildmitte oder direkt mit diesem Link gestartet werden.
Die NSDAP-Mitgliederkartei ist nicht vollständig
In seinem Vortrag machte Thomas Bauer deutlich, dass man in „die Partei“ nur mit einem unterschriebenen Mitgliedsantrag eintreten konnte, es also keinen Gruppenzwang gab, wie oft als Entschuldigung angeführt wurde. Zudem gab es Aufnahmesperren von Mai 1933 bis 1937 und teilweise bis 1939 und mit 1 Reichsmark (später 2 RM) Monatsbeitrag war der Beitritt für ärmere Personen sehr hoch. Trotzdem waren Ende 1944 fast 8,8 Millionen Menschen über 17 Jahre Mitglieder der Partei. 5 % davon waren Frauen.
Die derzeit in den Medien (und hier bei CompGen) als Quelle für Recherchen genannte Zentrale Mitgliederkartei und die ursprünglich nach Gauen geordnete Gaukartei sollten, so berichtete der Referent, 1945 in einer Papiermühle bei München geschreddert werden. Der Besitzer verzögerte dies und die Amerikaner transportierten den erhaltenen Bestand (ca. 80 %) über Kassel nach Berlin.
Bauer verwies auf die vielen weitere Akten, die im Berlin Document Center zusammengetragen wurden, u.a. der SS, der Waffen-SS, der SA oder Personalakten, die heute im Bundesarchiv auf Antrag durchsucht werden können. Aber, so machte er deutlich: es bestehen viele Lücken. Über die Suchmöglichkeiten informiert die GenWiki-Seite NSDAP.
Alle Recherchewege nutzen!

zur Entnazifizierung bei Hamburg (1945)
Quelle: Wikipedia
Im Vortrag ging es aber auch um die weiteren Möglichkeiten, die für die Recherche nach Familienmitgliedern in der Zeit des Nationalsozialismus genutzt werden können. Ohne der Präsentation zu weit vorgreifen zu wollen, seien hier einige wichtige genannt:
Entnazifizierungsakten: In der amerikanischen Zone mussten alle Erwachsen einen Fragebogen ausfüllen. In der britischen und französischen Gebieten konzentrierte man sich pragmatisch auf die „Eliten”, während in den russisch besetzten Gebieten über eine halbe Million Menschen aus ihren Ämtern entlassen und teilweise zum Tode verurteilt wurden. Teilweise sind die Akten in den Staats/Landesarchiven NRW, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz bereits online recherchierbar.
Wiedergutmachungsakten und Zwangsverkäufe von Grundstücken und Häusern sind interessante Quellen für die Forschung wie auch Personalakten von Amtspersonen. Oft gibt es Prozesse dazu. Im Bundesarchiv Freiburg (Militärarchiv) können Wehrmachtskarrieren der 18,2 Millionen Soldaten in den Divisionsgeschichten erforscht werden.
Zeitgenössische Zeitungen wie der Deutsche Reichsanzeiger (1871–1945) wurden durch KI lesbar gemacht. ZeitpunktNRW hat über 1.600 Titel mit 2,6 Millionen Seiten digitalisiert und durchsuchbar gemacht. Hier gibt es Anzeigen für Todesfälle oder Heiraten, Nachrufe und Beförderungslisten. Polizeiakten finden sich neben den Gestapo-Unterlagen noch bei manchen Kommunen. Die Vernehmungen enthalten viele biografische Angaben. Der Referent empfiehlt, immer entlang der Biografien zu forschen. Er fand sogar Informationen aus russischen Kriegsgefangenen Akten, die er von der z.Zt. verbotenen Organisation Memorial erhielt. Heute hilft das Deutsche Rote Kreuz bei der Suche.
Wir wünschen viele spannende Momente und interessante Erkenntnisse beim (Wieder-)Anschauen des Vortrages in der Aufzeichnung!


