Historische Fakten und Holocaust-Leugner

Vor zwei Wochen tauschten wir uns in der News-Redaktion darüber aus, ob wir hier auf die „Kleine Globalgeschichte der Flucht im 20. Jahrhundert“ auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung hinweisen sollten. Es schien uns etwas außerhalb unseres thematischen Schwerpunkts; aber wir beschlossen, dass es doch gut wäre, hier – in einem Blog für Menschen, die sich für ihre Vorfahren und deren Geschichte interessieren – über das Informationsangebot der Bundeszentrale zu berichten.

Vor vier Tagen war ich in Halle an der Saale. Ganz harmlos – für einen Vortrag auf einer Konferenz anlässlich des 150. Geburtstages des armenischen Musikwissenschaftlers und Komponisten Komitas Vardapet. Die Konferenz war seinen Verdiensten und Leistungen gewidmet, die armenische Botschaft war Mit-Organisator, viele Armenier waren anwesend. Und dann kam gegen 14 Uhr Unruhe auf und wir Konferenz-Teilnehmer wurden aufgeregt informiert, dass es einen Anschlag in der Stadt gegeben habe und wir das Gebäude bis auf weiteres nicht verlassen sollten. Schnell wurde bekannt: Der Anschlag hatte sich gegen Menschen in einer Synagoge und einem Döner-Verkauf gerichtet, ein rechtsradikaler Hintergrund war zu vermuten. Auch Komitas war ein Opfer von nationalistischem Hass geworden – es war gespenstisch.

Der Täter von Halle leugnet den Holocaust. „Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart“, sagte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 im Bundestag, in seiner Rede auf der Gedenkveranstaltung zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa.

Familienforscherinnen und -forscher wissen es: Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der eigenen Eltern, Großeltern, Urgroßeltern und deren Verhalten im Nationalsozialismus kann schwer sein – „ein Abenteuer zu sich selbst mit offenem Ausgang“. Aber wir haben die Verpflichtung, uns die Vergangenheit nicht schön zu reden und die Zeit des Nationalsozialismus nicht als „Vogelschiss“ zu verharmlosen. Wir Heutigen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber wir tragen eine Mitverantwortung dafür, was heute geschieht.

Die Bundeszentrale für politische Bildung ermöglicht mit ihrem Online-Angebot, sich über Aspekte des Nationalsozialismus zu informieren, über Flucht und Vertreibung, auch über den Völkermord an den Armeniern. Historische Bildung ist notwendig – wider die Holocaust-Leugner.

„Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen.

Jüngere und Ältere müssen und können sich gegenseitig helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten.

Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie läßt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.

Das jüdische Volk erinnert sich und wird sich immer erinnern. Wir suchen als Menschen Versöhnung.

Gerade deshalb müssen wir verstehen, daß es Versöhnung ohne Erinnerung gar nicht geben kann.“

(Richard von Weizsäcker, 1985)

  • Archivarin (begeistert). Ehrenamtlich aktiv bei CompGen (2012-2018 im Vorstand) und im Landesverband Sachsen des Verband deutscher Archivarinnen und Archivare (seit 2013 im Vorstand). Bei Twitter unter @VdAKluttig

2 Kommentare
  1. Thomas Saggau
    Thomas Saggau sagte:

    Danke, ich glaube das war ein sehr wichtiger Beitrag und gerade wir Familienforscher sollten nicht müde werden, immer wieder daran zu erinnern, was diesen Wahnsinn ausgelöst hat und wohin es für all die Opfer führte.

  2. Kühr, Horst
    Kühr, Horst sagte:

    Da stehe ich voll hinter dieser Aussage. Leider wird aber in den Schulen zu wenig Geschichtsunterricht gemacht.
    Aber auch ältere Menschen haben manchmal verquere Ansichten.
    Selbst am Freitag erlebt.
    In diesem Sinne eine schöne Woche.

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