Nachnamen auf Wanderschaft – Onomastik zwischen Forschung und Öffentlichkeit
Im Blog des Vereins für Computergenealogie berichten wir immer wieder über das spannende Feld der Onomastik, also der wissenschaftlichen Namenforschung. Besonders interessant wird es dort, wo Personennamen in Beziehung zu historischen, sozialen und räumlichen Entwicklungen gesetzt werden – etwa bei Fragen zu Herkunft, Migration und regionaler Verwurzelung. Ein Blick auf unsere Blogbeiträge zum Stichwort „Namen“ zeigt, wie vielfältig dieses Thema ist.
Wo Menschen mit Ihrem Nachnamen 1890 wohnten – und wo heutzutage
Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass auch journalistische Medien das Thema für sich entdecken. Am 30. Januar 2026 erschien im online publizierten ZEIT MAGAZIN der Wochenzeitung DIE ZEIT ein viel beachteter Beitrag unter dem Titel „Nachnamen: Wo Menschen mit Ihrem Nachnamen 1890 wohnten – und wo heutzutage“. Die Autoren Jakob Bauer, Anna-Elisa Jakob, Selina Rudolph und Julius Tröger ergänzen den Artikel um viele Namensverbreitungskarten, die zur Interaktion animieren.
Der Artikel zeigt, wie sich die Verbreitung deutscher Familiennamen seit etwa 1890 verändert hat. Grundlage für die interaktiven Karten sind die historischen Geburtsorte aus den deutschen Verlustlisten des 1. Weltkriegs sowie zum Vergleich die Wohnorte aus dem Telefonbuch von 2005. Der Beitrag ist hinter einer Bezahlschranke (ZEIT+Digital) erschienen, hat aber bereits eine lebhafte Diskussion ausgelöst. Zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Blog-Artikels liegen über 200 Leserkommentare vor.
Grundlagen: Verlustlisten des Ersten Weltkriegs und Telefonbuchdaten aus 2005
Dass diese Karten überhaupt möglich sind, hat viel mit genealogischer Grundlagenarbeit zu tun. In den amtlichen Listen zu den deutschen Verlusten im 1. Weltkrieg wurden gefallene, verwundete, vermisste oder in Gefangenschaft geratene Soldaten erfasst, meist mit Namen und Geburtsort, teilweise auch mit Geburtstag. Das mittlere Geburtsjahr der erfassten Soldaten liegt bei etwa 1890, daher der zeitliche Bezug im Artikel. Diese Verlustlisten wurden von rund 750 Freiwilligen zwischen 2012 und 2014 transkribiert. Es wurden mehr als 8,5 Millionen Einträge strukturiert erfasst. Ohne dieses groß angelegte Crowdsourcing-Projekt des Vereins für Computergenealogie gäbe es viele heutige Analysen zur historischen Namensverteilung nicht. Im ZEIT-Artikel ist dieser Zusammenhang korrekt dargestellt. Es wird ausdrücklich auf die Arbeit des Vereins verwiesen.
Für den Vergleich mit der Gegenwart nutzten die Autoren Telefonbuchdaten aus dem Jahr 2005. Damals hatten noch rund 90 Prozent der deutschen Haushalte einen Festnetzanschluss. Durch den Vergleich beider Datensätze werden langfristige Wanderungsbewegungen sichtbar: Viele Nachnamen waren um 1890 stark regional konzentriert, häufig geprägt durch alte Siedlungsräume, Berufsbezeichnungen oder geografische Merkmale. Im 20. Jahrhundert kam es dann zu deutlichen Verschiebungen, ausgelöst durch Industrialisierung, Urbanisierung, Kriegsfolgen, Flucht und Binnenmigration. Gleichzeitig zeigen die Karten auch, dass manche Namen bis heute klar regional verankert geblieben sind.
Daten zu den Verlustlistenunter CC0 auf Zenodo veröffentlicht
Zeitlich passend zum Artikel in der Zeit hat der Verein für Computergenealogie die zugrunde liegenden Daten der Verlustlisten auf Zenodo veröffentlicht: „Deutsche Verlustlisten des Ersten Weltkriegs – Datensammlung“. Sie sind ohne Auflagen frei nachnutzbar und stehen unter einer CC0-Lizenz. Die Veröffentlichung unter CC0 ist ein bewusstes Signal für Transparenz, Nachprüfbarkeit und Nachnutzbarkeit. Die Daten können so für eigene Karten, Analysen, Forschungsfragen oder ganz konkrete Familiengeschichten verwendet werden – ohne rechtliche Hürden.
Namensverbreitungskarten
Namensverbreitungskarten sind kein neues Werkzeug. In der genealogischen Praxis werden sie seit Langem genutzt. Im GenWiki gibt es einen eigenen Überblicksartikel zu Namensverbreitungskarten mit Beispielen, Methoden und Hinweisen auf unterschiedliche Datenquellen.

Auch der ZEIT-Artikel greift methodisch auf diese Konzepte zurück, etwa durch die Aggregation von Namensvorkommen auf Gemeindeebene und die Darstellung relativer Häufigkeiten. Der Unterschied liegt weniger im Was als im Wie: Die journalistische Aufbereitung richtet sich an ein breites Publikum und trifft daher methodische Entscheidungen, die aus statistischer Sicht sinnvoll sind, genealogisch aber nicht immer befriedigen. Ein häufig geäußerter Kritikpunkt in den Leserkommentaren betrifft die Behandlung seltener Nachnamen. Für die Karten im ZEIT-Beitrag werden historische Namen mit weniger als 25 Einträgen sowie Telefonbuchnamen mit weniger als 100 Einträgen ausgeblendet. Gerade diese seltenen Namen sind für viele Familienforscherinnen und Familienforscher jedoch besonders interessant.
Hier unterscheiden sich die Namensverbreitungskarten im Genealogienetz deutlich. Diese Karten arbeiten ohne solche Mindestschwellen und zeigen auch das Vorkommen von seltenen Namen. Sie sind nicht primär statistisch, sondern explorativ gedacht und ausdrücklich auf genealogische Fragestellungen ausgerichtet.
Der ZEIT-Artikel zeigt eindrucksvoll, welches öffentliche Interesse in genealogischen Daten steckt. Für uns ist er zugleich eine Bestätigung: Onomastik, Namensverbreitung und Migration sind keine Nischenthemen. Sie verbinden persönliche Neugier mit historischer Forschung – und sie funktionieren am besten dort, wo Daten offen, gemeinschaftlich und langfristig erarbeitet werden. Zur Vertiefung empfehlen wir den Blog-Beitrag „Wenn Namen Migrationsgeschichten erzählen“, der sich speziell mit der Migrationsonomastik beschäftigt; er geht auf Personennamen im Kontext von Wanderungsbewegungen ein.
Wer neugierig geworden ist, kann nun selbst auf Entdeckungsreise gehen: Probiert die Namensverbreitungskarten aus, schlagt den eigenen Nachnamen nach oder vergleicht regionale Muster. Vielleicht ist es der Anfang einer ganz neuen Familiengeschichte.


