Kuckuckskinder und Scheinväter – Aufklärung durch DNA-Genealogie

Diese umgangssprachlich meist abwertenden Begriffe Kuckuckskinder und Scheinväter bezeichnen die Tatsache, dass die Mutter ihrem Ehemann ein Kind, das von einem anderen Mann gezeugt wurde, „unterschiebt“. Der Ehemann bleibt oft im Unklaren, dass er nicht der biologische Vater ist. Vielen Menschen erscheint die Offenlegung der Tatsache, dass der Ehemann gar nicht der Erzeuger ist, als Makel. Erkennt der Ehemann das Kind als das seinige an, wird er in der Regel eine normale soziale Beziehung zum Kind haben. Für das Kind kann die Aufklärung, dass es einen anderen (biologischen) Vater hat, zu einem Trauma führen. Für Ahnenforscher bedeutet die Entdeckung, dass ein Kind gar nicht vom vermeintlichen Vater abstammt, eine notwendige Korrektur der Ahnentafel und neue Nachforschungen nach dem biologischen Vater. Hier können Untersuchungen der DNA helfen.

Wie oft passiert so etwas? Wie häufig geschah das in früheren Generationen? Diese Frage haben viele Wissenschaftler mit Hilfe von Blut- und DNA-Analysen untersucht. Manche behaupteten Anteile von über 10 % aller Kinder seien Kuckuckskinder.

Der belgische Wissenschaftler Maarten H.D. Larmuseau von der Katholischen Universität Löwen hat in neueren Studien (2013, 2016 und 2019) DNA-Untersuchungen zur Häufigkeit von neben der Ehe von Ehefrauen geborenen Kindern in Nord-Belgien und den südlichen Niederlanden angestellt. Er korrigierte die früheren hohen Zahlen und fand heraus, dass 0,4 % bis 5,9 % der Kinder nicht vom ehelichen Vater gezeugt wurden. Größere Häufigkeiten traten im Familien mit niedrigerem sozioökonomischen Hintergrund auf, die in den dichter besiedelten Städten des 19. Jahrhunderts wohnten.

Für die Untersuchungen wurden die DNA-Proben von über 2000 Männern herangezogen, die von der Universität Löwen im Rahmen von Citizen-Science-Projekten, dem Projekt „De Gen-iale Stamboom“ sowie der „Familiekunde Vlaanderen“ ausgewählt wurden. Die väterlichen Abstammungslinien wurden zurück bis vor 1800 mehrfach geprüft. 513 Paare von Männern mit möglichst weit zurückliegender Verwandschaft in der männlichen Linie wurden ausgewählt. Hier sollte das Y-Chromosom, das nur von den Vätern übertragen wird, mit dem der Söhne übereinstimmen. Bei 1,6 % pro Generation ergaben sich jedoch Unterschiede im Y-Chromosom, d.h. hier wich die Abstammung von der durch Ahnenforschung ermittelte Vaterschaft ab.

Tobias Kemper, Initiator der Facebookgruppe „DNA-Genealogie auf Deutsch“, hat die Arbeiten von Larmuseau auf seiner Saecula.de-Seite ausführlich beschrieben und auch vergleichbare Ergebnisse aus Deutschland genannt. In einem weiteren Artikel hat er die Situation und Perspektiven zur DNA-Genealogie in Deutschland allgemein behandelt und einen organisatorischen Zusammenschluss der Interessenten empfohlen.

Skeptiker verweisen auf die „Risiken und Nebenwirkungen“ für Menschen, die nichts von den Geheimnissen ihrer Ahnen wissen wollen und besorgt sind, dass sie durch die Ahnenforschung ferner Verwandten in „cold cases“ hineingezogen werden. Auch Larmuseau nennt die Kritikpunkte bei den kommerziellen DNA-Tests für Genealogen: ungenaue Ethnizitätsanalysen, Probleme beim Schutz der DNA-Profile z. B. vor polizeilichen Nachforschungen. Besondere Verantwortung ist bei Adoptionskindern oder Kindern geboten, die mit anonymen Samen- oder Eizell-Spenden gezeugt werden, wenn deren biologische Verwandten gesucht werden sollen. Auch heimliche Vaterschaftstest an Kindern sind trotz Verbot nicht auszuschließen. Die Konsequenzen für die Beteiligten und die unbeteiligten Verwandten können dramatisch sein.

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