Kriegskinder von deutschen Soldaten in den Niederlanden

Im Dezember 2020 berichteten wir über das Dossier „Deutschland – Verschwiegene Vergangenheit“ in der niederländischen Zeitschrift GEN. Hier schrieb die Autorin Jacqueline Verkleij über das Schicksal der Familie von Michael Schuling, dessen Vater 1941 in der Lebensborn-Klinik „Heim Hochland“ in Steinhöring bei Ebersburg, Oberbayern, geboren wurde. Das Heim war das erste Haus des Vereins Lebensborn e.V. Es galt als Muster für weitere Gründungen.

Das SS-Lebensborn-Heim »Hochland« Steinhöring im Jahr 1936. Foto: Heimatverein Steinhöring

Über die Großmutter (* 1913 in Rotterdam) war viel in niederländischen Archiven zu finden. Sie lernte den Großvater aus Deutschland 1940 kennen, nach neun Monaten gebar sie das Kind im Lebensborn-Heim in Steinhöring. Sie wollte dort weder bleiben noch das Kind zur Adoption freigeben. Der leibliche Vater hatte die Reise nach Bayern und den Aufenthalt dort finanziert. Später war er als Soldat an der Ostfront, Kontakte nach Holland gab es nicht mehr. Die Mutter wurde 1944 nach der Befreiung der Niederlande mit ihrem Kind in der Nähe des Konzentrationslagers Vught in der Nähe von Herzogenbusch interniert.

Der leibliche Großvater war Reichsarbeitsdienst-Feldmeister und in der SS Totenkopf-Division: Günter Fritz Robert Kneisler (* 1910 in Brandenburg). Nachdem das Interview 2020 in der Zeitschrift GEN erschienen war, hatte Michael Schuling einige Rückmeldungen bekommen. Jetzt berichtet er fortlaufend über seine weiteren Forschungen in einem eigenen Blog. Vom Bundesarchiv in Berlin erhielt er eine CD mit Daten über den Großvater aus den Jahren 1931 bis 1947. Auch ein Halbbruder des Vaters wurde gefunden, ebenso eine mögliche Verwandte, die einen Internet-Stammbaum pflegt. Noch viele offene Fragen sind geblieben. Aber die Suche geht weiter.

Schwierige Aufarbeitung

Man schätzt, dass etwa 10.000 – 15.000 Kinder, die von deutschen Soldaten gezeugt wurden, in den Niederlanden leben. Sie wurden während oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geboren und entstanden aus der Beziehung zwischen einem deutschen Soldaten und einer niederländischen Frau. Anfangs hatten die Soldaten klare Anweisungen, keine Beziehungen zu Frauen und Mädchen einzugehen. In der Nazi-Ideologie galten die Frauen in den Niederlanden, Flandern, Dänemark oder Norwegen als Arierinnen. Die Zahl der illegal durchgeführten Abtreibungen ist nicht zu ermitteln. Scham oder Schweigen umgaben diese Kinder. Auch in anderen Ländern, in die die deutschen Besatzer einmarschiert waren, war es ebenso.

Der Historiker Alex Dekker, Autor des Buches „Mein Opa war ein Deutscher“, ist selbst Sohn eines solchen „Moffenkindes“, wie die von Deutschen abstammenden Kinder beschimpft wurden. Auch die Historikerin Monika Diederichs hat sich in ihren Publikationen mit den Kindern deutscher Soldaten und den niederländischen Müttern in den Niederlanden beschäftigt. Die Kinder mussten mit dem Tabu der Abstammung leben. Die Mütter schwiegen und die Kinder suchen oft vergeblich nach ihren deutschen Vätern. Die 74-jährige Historikerin hat 400 Fälle untersucht und mit 56 dieser Frauen gesprochen. Ihr erstes Buch „Wem die Haare geschoren werden, muss still sitzen“, das 2006 erschienen ist, ist die einzige Studie zu diesem Thema geblieben.