Deutsche Familien am Schwarzen Meer: Siedler in Bessarabien und der Dobrudscha

Nur wenige werden auf Anhieb sagen können, wo dieses Bessarabien oder die Dobrudscha liegen. Aber wer schon mal am „Goldstrand“ nördlich von Varna in Bulgarien in der Sonne lag oder mit dem Schiff auf der Donau bis zum Schwarzen Meer gefahren ist, der war auch schon in der Dobrudscha, wo man heute noch die Spuren deutscher Siedler-Familien finden kann.

Deutsche Siedlungen in der Dobrudscha. Quelle: Wikipedia Electionworld CC BY-SA 2.5

Dobrudscha

Diese historische Landschaft am Schwarzen Meer reicht vom nordöstlichen Bulgarien bis zur Donau-Mündung an der heutigen rumänisch-ukrainischen Grenze. Osmanen, Bulgaren und Rumänen beherrschten nacheinander das Gebiet. Bevölkert war es von Türken, Tataren, Bulgaren, Rumänen, Griechen, Juden und Russen, seit 1840 auch von Deutschen. Deutsche Kolonisten gründeten 1843 mit Malcoci (Malkotsch) bei Tulcea eine der ältesten Siedlungen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wanderten Deutsche in mehreren Wellen in die Dobrudscha ein.

Noch bis 1878 regierten dort die Osmanen, die den Deutschen viele Freiheiten ließen. Die Neusiedler kamen aus Bessarabien und den südrussischen Gouvernements Cherson, Jekaterinoslaw und Taurin. Die Hauptgründe für diese Wanderung waren wirtschaftlicher Art; es herrschte Landmangel und das russische Reich nahm ihnen die bisherigen Privilegien weg, wie die Befreiung vom Militärdienst.

Bessarabien

Das historische Bessarabien liegt zwischen den Flüssen Pruth im Westen und Dnjestr östlich von Rumänien und reicht bis zum Schwarzen Meer. Das heutige Moldawien mit seinem westlich des Dnjestr gelegenen Teil liegt in diesem historischen Bessarabien. Deutschen Siedler kamen nach 1812 dorthin – auf Einladung des russischen Zaren Alexander I. Bis 1842 gründeten die etwa 9.000 Einwanderer in Bessarabien 25 Kolonien. Von dort gab es weitere Tochtersiedlungen. Ihre Geschichte ist auf der Webseite des Bessarabiendeutschen Vereins nachzulesen. Der Verein betreibt in Stuttgart ein Informationszentrum im „Haus der Bessarabiendeutschen“ in der Florianstr. 17. Hier sind auch die Dobrudscha-Deutschen untergekommen.

Ahnenforschung

Eine der ältesten Siedlungen ist Großliebental (russisch: Welikodolinskoje), zirka 20 km südwestlich von Odessa (Ukraine), gegründet um 1803. Uwe Zimbelmann hat auf seiner Webseite die Ahnen aus diesem Ort zusammengestellt. Im Friedhofsprojekt von CompGen gibt es die Grabsteindokumentationen von zwei Friedhöfen in Tariverde und Tarutino/Akkerman und Axel Eichhorn schrieb einen Bericht dazu. Er ist auch der Autor zweier Online-Ortsfamilienbücher für Tariverde und Ciucurova in der Dobrudscha. Ein weiteres Online-OFB aus Bessarabien ist das für Krasna. Für die Forschung sind auch die englischsprachigen Datenbanken Odessa3.org und die Seiten der Schwarzmeer-Deutschen hilfreich.

Für ihren Geburtsort Wittenberg in Bessarabien hat Klara Bollinger eine umfangreiche Webseite zur Geschichte des Ortes mit einer Datenbank für die Erstsiedler und deren Vorfahren zusammengestellt. Sie berichtet über die Wege, die die Kolonisten nahmen: Die einen kamen direkt aus Südwestdeutschland über die Donau, die anderen aus Polen, wo der Preußenkönig Friedrich der Große schwäbische Kolonisten 1782 in den neu gewonnenen Gebieten angesiedelt hatte.  Aufgrund der Einladung durch den russischen Zaren zogen viele weiter nach Bessarabien.

„Heim ins Reich“ und Flucht

Nach der russischen Revolution 1917/1918 sollten die in Bessarabien lebenden Deutschen nach Sibirien deportiert werden, da sie als unzuverlässig eingestuft wurden. Ein strenger Winter mit viel Schnee verhinderte jedoch den Abtransport. Dann besetzte Rumänien Bessarabien und schloss die Grenze am Dnjestr zu Russland. Die Bewohner erhielten nun die rumänische Staatsbürgerschaft. Doch nach der Wiederbesetzung Bessarabiens durch das mit Deutschland verbündete Russland im Jahre 1940 wurde die bereits insgeheim geplante Umsiedlung der fast 100.000 Deutschen in der Aktion “Heim ins Reich“ innerhalb kürzester Zeit durchgeführt: Zu Fuß oder auf Leiterwagen ging es bis Galatz an der Donau, von dort mit Schiffen bis Belgrad und weiter mit der Eisenbahn nach Bayern.

Ebenso erging es den rund 14.000 deutschen Siedlern aus der nördlichen Dobrudscha. In Deutschland angekommen wurden die Familien übergangsweise in Lager in den „Reichsgauen“ Mainfranken und Niederdonau untergebracht, bevor sie – zumeist 1942 – hauptsächlich im Warthegau und im „Protektorat“ Böhmen und Mähren angesiedelt wurden. Von dort machten sie sich zum Kriegsende auf die Flucht in den Westen vor den anrückenden Russen und zerstreuten sich in alle Teile Deutschlands.