Verzeichnis der Drucke des 16. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum (VD 16)

Fünfzig Jahre Kompetenzzentrum – ein Jubiläum

Es ist bei Familienforschern heute Konsens, dass wirkliche Familiengeschichte erst über die Personengrunddaten von Geburt, Heirat und Tod hinaus mittels mit der Person verknüpfter geschichtlicher Zeugnisse entstehen kann. Besonders wichtig ist der zeitgeschichtliche Hintergrund. Den findet man in der Literatur der Zeit.

Das gemeinsame Bibliotheksmagazin der Bayerischen Staatsbibliothek und der Staatsbibliothek zu Berlin berichtet in seiner Ausgabe 2/20 anlässlich des 50. Jubiläums des Kompetenzzentrums VD 16 über den Stand des Verzeichnisses der Drucke des 16. Jahrhunderts. Man könnte annehmen, dass das in den ersten drei Jahrzehnten von der deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierte Projekt eines überschaubaren Bestandes inzwischen abgeschlossen wäre. Prinzipiell ist das richtig, praktisch gibt es aber eine Weiterentwicklung. Die vorantreibenden Faktoren sind die verpflichtende Vorgabe der DFG, eine deutsche Nationalbibliographie aufzubauen und zum andern die fortschreitende Digitalisierung vieler Bibliotheksbestände und die „Einbeziehung auch kleiner Schul- und Kirchenbibliotheken oder von Adelsbibliotheken […]“. So wachsen die Titel noch an und erlangen auch eine für den Forscher günstigere (Digitalisierung) Qualität.

Soweit die Wissenschaftsseite. Der Forscher sollte das wissen, wenngleich er sich vorzugsweise auf die aus der Sammlung resultierende Datenbank und dort auf Suchschlitz oder Suchmaske stürzen dürfte.

Folgen wir ihm doch einfach. In unserem Versuch verzichten wir auf einen Familiennamen und durchsuchen „Alle Felder“ nach dem mit dem Namen verbundenen Ort „Frankenhausen“. Und wir werden gleich fündig.

Unter „Volltext“ gelangen wir zu einem zeitgenössischen Bericht, der offensichlich zeitnah zur Bauernschlacht von 1525 bei Frankenhausen verfasst wurde.

Das Exemplar enthält Anmerkungen aus früher Zeit, wie man an diesem Auszug erkennen kann. – Wer sich mit der Geschichte der Zeit beschäftigt hat, weiß dass die Enthauptung ein vergleichsweise milder Tod war.

Wie mancher unter uns ist der Autor dieser Zeilen beim Stöbern im Bücherschrank seiner Eltern quasi mit der Fraktur aufgewachsen. Für den Fall, dass sich der Text jüngeren Forschern schwerer erschließt, folgt das Transkript:

Nach volendung der schlacht ist Thomas Müntzer
wunderbarlich an eim bett zu Frankenhausen gefunden
und den fürsten überantwort worden. Der dan alle sach
bekant / gros rew und leid über sein sünd gehabt/gebei-
cht/und das heilig Sacrament und einer gestalt nach
Christlicher ordnung empfangen und darnach uß fürst
licher gnad und nachlassung mit dem schwert gericht wor-
den/so er doch wol ein andn todt und eine schwere straff
verdient hette.

Handschriftliche Glosse: Thomas Müntzer enthaubt [enthauptet]

Ein solcher 400 Jahre alter Text mag beim heutigen Leser so unterschiedliche Reaktionen, wie Unverständnis oder Faszination hervorrufen. „Ein ander Tod“ und „schwere Strafe“ hätte Rädern, Vierteilen, Erwürgen, Vierteilen und andere Grausamkeiten mehr bedeuten können. (Thomas Müntzer, der Anführer des am 15. Mai 1525 auf dem heute so genannten Schlachtberg oberhalb Bad Frankenhausens durch die fürstlichen Heere beendeten Bauernaufstandes, hatte sich im Bett eines Hauses am Nordhäuser Tor der Stadt versteckt.) Der seitens der DDR ideologisch zum Anführer der „Ersten bürgerlichen Revolution“ stilisierte Prediger, seine Entwicklung vom Sozialreformer zum fanatischen Agitator und die Ereignisse um die so genannte Bauernschlacht herum bieten viel Stoff im Umfeld unseres Hobbys.

Da Vorfahren des Autors wie andere Teile der Bürgerschaft nach dem Bauernaufstand von finanziellen Strafen der Fürsten betroffen waren, bereichert dieser neue Literaturfund seine Quellensammlung.

Die VD 16 umfasst ca. 106 000 Titel mit Besitznachweisen aus derzeit 333 Bibliotheken. „An die 70.000 Titelaufnahmen sind mit mindestens einer digitalen Reproduktion versehen.“

Der vom Volumen her noch leicht überschaubaren VD 16 folgten die weiteren Projekte der VD 17 und VD 18, sowie Druckschriftenerfassungen des 19. Jahrhunderts. Die neueren Bestände wachsen kontinuierlich an und sind zumeist von Beginn an digitalisiert.